Ex-Stasigeneral Markus Wolf: Haben passiv auf einen „Erlöser“ gewartet

Posted by on 3. März 2012
HV-A-Chef Markus Wolf im Kreise anderer Stasi-Generäle. Wolf war allerdings schon vor der Wende aus der Stasi ausgeschieden. Repro: hw

HV-A-Chef Markus Wolf im Kreise anderer Stasi-Generäle. Repro: hw

Im Buch „Spionagechef im geheimen Krieg“ geht der frühere HV-A-Chef auch mit Bundespromis ins Gericht

Er war der „Große Unbekannte“, der „Mann ohne Gesicht“, von dem die westlichen Geheimdienste bis 1979 nur ein Jugendfoto aus jener Zeit hatten, als er von den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen berichtete: Markus Wolf (1923-2006), Chef der Stasi-Hauptverwaltung Aufklärung (HV A), zuständig für die einen der erfolgreichsten Auslandsgeheimdienste weltweit. Manche seiner Erfolge waren freilich Pyrrhus-Siege, wenn man etwa an den Sturz von Kanzler Willy Brandt denkt, nachdem dessen Referent Günter Guillaume als einer von Wolfs Spionen enttarnt worden war. Über ein Jahrzehnt nach seinem Abschied von der Stasi hat er in seiner Autobiografie „Spionagechef im geheimen Krieg“ seine Lebensgeschichte erzählt –die im Spannungsfeld zwischen Apologetik, Selbstkritik und auch etwas Larmoyance doch viele Frage offen lässt.

Vom Mann ohne Gesicht zum Kritiker und schließlich zum Ausgebuhten
1945 berichtete Wolf für den Berliner Rundfunk von den nürnberger Prozessen. Abb.: Wolf

1945 berichtete Wolf für den Berliner Rundfunk von den nürnberger Prozessen. Abb.: Wolf

Ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit in der DDR rückte Wolf erst Ende der 1980er Jahre mit seinem Roman „Troika“, der ihn in die Nähe des reformwilligen Flügels in der SED positionierte. Vielen wird auch noch sein Auftritt während der größten Wende-Demo am 4. November 1989 in Erinnerung sein, wo er ausgebuht wurde, als er um Verständnis für die Stasi-Mitarbeiter warb. Hier zeigte sich die gespaltene, zerrissene Persönlichkeit Wolfs, der sich vom 100-Pro-Kommunisten der 1950er ab den 80er Jahren immer mehr in Richtung Systemkritik wandelte, „der Partei“ aber bis zuletzt die Treue hielt und – wie so viele ostdeutsche Intellektuelle – von den Ereignissen schließlich überholt wurde.

Obgleich man in seiner Autobiografie nie sicher sein kann, ob und wo er lügt (was man bei einem Oberspion erst mal als Berufskrankheit annehmen muss, aber angesichts der vernichteten HV-A-Akten vorerst nicht völlig überprüfen kann), spiegelt dieses Buch doch recht anschaulich dieses ambivalente Verhältnis vieler DDR-Intellektueller zum Staat, zur Parteidiktatur der SED.

Vater Friedrich war Schriftsteller, Bruder Konrad wurde Regisseur

1923 im Deutschland der Hyperinflation geboren, wuchs Wolf in einer künstlerisch-alternativ geprägten jüdischen Familie mit Nähe zum Kommunismus auf. Sein Vater war der Schriftsteller und Arzt Friedrich Wolf („Professor Mamlock“), sein Bruder Konrad wurde erst Offizier der Roten Armee und später ein renommierter Regisseur („Solo Sunny“) in der DDR. 1934 emigrierte die Familie vor den Nazis in die Sowjetunion, wo Markus Wolf die volle Indoktrinations-Dosis erhielt, aber auch Stalins Säuberungsterror zumindest am Rande mitbekam.

DDR-Auslandsspione holten sich anfangs nur blutige Nasen

Hatte sich Markus Wolf zunächst eher journalistisch betätigt, wechselte er 1951 in den neuen Auslandsgeheimdienst der DDR, der damals als „Außenpolitischer Nachrichtendienst“, getarnt als „Institut für wirtschaftswissenschaftliche Forschung“, unter sowjetischer Anleitung agierte. Im Berlin der Nachkriegszeit, in dem sich zeitweise „bis zu 80 Geheimdienste“ tummelten, holte sich der unerfahrene DDR-Dienst zunächst immer wieder blutige Nasen: Die erste scheinbare „wichtige Quelle“ im Westen erwies sich beispielsweise als Falle des britischen „MI 5“.

Prinzip „Geduld“ von KGB und GRU abgeguckt
Moskaus Topspion Kim Philby (l.) und Markus Wolf bei einem Treffen in Moskau 1981. Abb.: Wolf

Moskaus Topspion Kim Philby (l.) und Markus Wolf bei einem Treffen in Moskau 1981. Abb.: Wolf

Der 1953 dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) zugeordnete Auslandsgeheimdienst, dessen Führung Wolf bereits 1952 von Anton Ackermann übernommen hatte, lernte jedoch schnell: Das Prinzip „Geduld“ bei langfristigen Operationen zum Beispiel vom KGB und dem sowjetischen Militärgeheimdienst GRU. Die hatten Top-Quellen wie Kim Philby und die „Cambridge Five“ nur deshalb in derart hohe Positionen in Großbritannien manövrieren können, weil sie diese Männer bereits während des Studiums in Cambridge anwarben und dann systematisch aufbauten. Nach ähnlichen Prinzipien schleuste nun die HV A inmitten des DDR-Flüchtlingsstroms ihre Aufbau-Spione in die Bundesrepublik, auch Günter Guillaume begann so seine Stasi-gesteuerte Karriere.

Zuletzt über 4000 Festangestellte und mehr als 11.000 Spitzel

Außerdem konnte die HV A auch deshalb schlagkräftiger als mancher westliche Geheimdienst agieren, weil er keiner parlamentarischen Kontrolle unterworfen war. Zudem half der vergleichsweise große Personalbestand von zuletzt über 4000 festen Mitarbeitern und über 11.000 Zuträgern.

Wohl noch stärker als der KGB verinnerlichte die Stasi Vorsicht und Konspirationsprinzip, eingedenk aus den Erfahrungen der KPD während der Nazi-Zeit: Jede Einheit innerhalb der Stasi sollte nur soviel wissen, wie unbedingt nötig, damit ein Verräter nicht ganze Zuträgerringe auffliegen lassen konnte.

Konspiration auch gegen eigene Abwehr

Sehr Agentenkrimi-mäßig muten zum Beispiel Wolfs Schilderungen an, wie sich seine Führungsoffiziere nach dem Mauerbau mit westlichen Quellen auf der Transitautobahn trafen – konspirativ abgeschirmt nicht nur gegenüber westlichen Augen, sondern auch gegen die eigene Stasi-Abwehr, die nichts davon wissen sollte. Sogar Stasi-Minister Erich Mielke habe er trotz Drängelei nicht jede Quelle benannt und auch die „Freunde“ vom KGB bekamen oft nur teilzensierte Berichte.

Segeln unter falscher Flagge und „Ficken fürs Vaterland“

Neben der weltweit gängigsten Anwerbemethode Bestechung segelte Wolfs Truppe oft unter „falscher Flagge“, um an die Abenteuerlust potenzieller Verräter im Westen zu appellieren: Mal gab man sich als KGB aus (für die Sowjetunion zu spionieren, klang für manchen westdeutschen Linken aufregender als „nur“ DDR-Spion zu sein), mal als Vertreter westlicher Geheimdienste, die angeblich ihrem Verbündeten BRD nur auf die Finger schauen wollten.

Die im Nachhinein wohl berüchtigtste Masche der HV A war aber wohl die Romeo-Methode. Dabei sandte Wolf alleinstehende junge Stasi-Agenten gen Westen, wo diese vor allem Sekretärinnen umgarnten, die bei wichtigen Geheimkonferenzen zum Beispiel die Protokolle führten – von den großen Entscheidern am Tisch nur wie „Hintergrund-Inventar“ wahrgenommen. „Ficken fürs Vaterland“ soll diese Einsatzart stasi-intern angeblich genannt worden sein.

Willy Brand 1974 mit seinem Referenten Günter Guillaume, der kurz darauf als DDR-Spion enttarnt wurde. Abb.: L. Wegmann, Bundesarchiv, Wikipedia

Willy Brand 1974 mit seinem Referenten Günter Guillaume, der kurz darauf als DDR-Spion enttarnt wurde. Abb.: L. Wegmann, Bundesarchiv, Wikipedia

Zwar beschränkte sich die Stasi im Zuge der Arbeitsteilung unter den Ostblock-Geheimdiensten nur auf bestimmte Operationsgebiete – vor allem BRD, Westberlin, NATO und gelegentliche Einsätze in Entwicklungsländern. Dort aber konnte die HV A Topspione platzieren, vorneweg sicher Günter Guillaume bei Bundeskanzler Brandt und den Agenten „Topas“ alias Rainer Rupp in der NATO-Zentrale.

Trotz aller Geheiminfos, die Guillaume der DDR lieferte, erwies sich dieser Topspion freilich letztlich als Bumerang: „So ein Mist“, schrieb Wolf in sein Tagebuch, als der Kanzler-Vertraute 1974 enttarnt wurde – und das nicht etwa nur, weil er einen Agenten verlor: Die HV A hatte in den Jahren zuvor viel Geld und Mühe darin investiert, Brandt und dessen Ostpolitik zu stützen, das Misstrauensvotum gegen den SPD-Kanzler durch stasi-gekaufte Bundestagsabgeordnete zu vereiteln – und nun stürzte der Hoffnungsträger durch Wolfs Spion.

Wolf: Wir haben Lunte Guillaume gelegt, Genscher hat sie brennen lassen

Guillaume nicht beizeiten abzuziehen, sei sein größter Fehler überhaupt gewesen, meinte Wolf hinterher, verteidigt sich aber auch: „Wir hatten die Lunte gelegt, aber andere haben sie brennen lassen“, argumentiert er mit Blick auf den damaligen Innenminister Dieter Genscher (FDP), der seinen Koalitionspartner trotz langer Ermittlungen gegen Guillaume nicht vor der sich auftuenden Falle gewarnt habe.

Wehners geheime Kuschelei mit der DDR

Überhaupt geizt Wolf in seinem Wolf nicht mit teils kompromittierenden Details über bundesdeutsche Promis: Wie eng zum Beispiel der vermeintliche Kommunistenfresser Herbert Wehner (SPD) heimlich mit der SED kungelte und auch Interna preis gab, wie die HV A erst über Wehner schwer belastendes Material sammelte und dann doch nicht verwendete, wie Joachim Moitzheim alias „Wieland“ als Dreifachagent für die HV A arbeitete und dergleichen mehr.

HV-A-Chef: Beate Klarsfeld bekam Decknamen, war aber keine Stasi-Spionin
Beate Klarsfeld 1986. Abb.: Wikipedia

Beate Klarsfeld 1986. Abb.: Wikipedia

Aus aktuellem Anlass sei hier auch wiedergegeben, was Wolf über die Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld schreibt, die kürzlich von der „Linken“ als Bundespräsidenten-Kandidatin aufgestellt wurde:

„Unsere Unterstützung für das Ehepaar Klarsfeld brachte uns mit der Abwehr im Ministerium für Staatssicherheit in Konflikte, denn die Klarsfelds standen lange Zeit auf der Liste unerwünschter Personen, weil sie auch in sozialistischen Staaten gegen den Antisemitismus protestiert hatten“, heißt es bei Wolf. „Meinem Dienst gelang es, die Einreiseerlaubnis für sie zu erwirken und ihnen Zugang zu den Archiven zu verschaffen, die sie konsultieren wollten. Dadurch wurde ihnen wie jedermann, der in Kontakt zu unserem Dienst geriet, in der Abteilung X eine Akte und Decknamen zugeteilt, ohne daß sie die geringste Ahnung davon gehabt hätten. Jeder, der mit den Gepflogenheiten der Staatssicherheit und meines Dienstes auch nur entfernt vertraut ist, wird mir darin zustimmen, daß es nur lachhaft sein kann, die Klarsfelds aufgrund dessen als Parteigänger der DDR oder gar der Stasi diffamieren zu wollen.“

Ein bezeichnendes Licht auf den vermeintlichen „Reformer“ Wolf wirft im Übrigen sein politisches Resümee im Zusammenhang mit einem Treffen mit dem SED-Hoffnungsträger Hans Modrow in Dresden: „Leute wie Modrow und ich warteten weitgehend passiv auf einen ,Erlöser’, der uns dazu bringen sollte, das System zu ändern, in das wir eingebunden waren“, schreibt er da. „Wir begriffen nicht, daß der Anstoß von uns selbst hätte kommen müssen.“

Fazit:
Abb.: List-Verlag

Abb.: List-Verlag

Wolfs Autobiografie ist eine hochspannende Lektüre für jeden zeitgeschichtlich Interessierten und beleuchtet nicht nur Spionagetechniken der Stasi, sondern auch Zusammenhänge des Kalte Krieges, die für die Öffentlichkeit vor dem Mauerfall nicht erkennbar waren. Auch merkt man Wolf die „Schriftsteller-Gene“ an, denn abgesehen von seiner kaum kaschierten Jammerei über seine Behandlung nach der Wende ist sein Buch gut lesbar geschrieben.

Allerdings sollte man jede Zeile davon kritisch lesen: Als Wolf das Buch 1997 veröffentlichte, hatte er zwar seinen strafrechtlichen Prozess schon hinter sich, hätte aber durch für ihn ungünstige Enthüllungen durchaus noch einmal das Interesse der bundesdeutschen Justiz auf sich lenken können.

Zwar mag man Wolf seine Selbstkritik und seine wachsende Distanz zu Stalinismus und zum Honecker-Staat durchaus abnehmen – er schied anscheinend wirklich auf eigenen Wunsch 1986 aus der HV A aus -, aber anderseits scheint an vielen Stellen auch sein Wunsch immer wieder durch, sein Lebenswerk auf Biegen und Brechen zu verteidigen. Wenn er die HV A als den „sauberen“ Teil der Stasi darstellt und argumentiert, sein Dienst habe nur das getan, was auch westliche Geheimdienste tun, aber keinesfalls Auftragsmorde oder dergleichen begangen, kann man das erst mal nur zur Kenntnis nehmen. Wie schmutzig die HV-A-Methoden waren oder nicht, werden wir wohl erst erfahren, wenn die zerschnipselten Akten des DDR-Auslandsgeheimdienstes demnächst mit Computerhilfe rekonstruiert werden (Der Oiger berichtete) – und selbst danach dürfte wohl manche Frage offen bleiben. Heiko Weckbrodt

Markus Wolf: Spionagechef im geheimen Krieg”, List-Verlag, München 1997, ISBN 3-471-79158-2.

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